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Legenden und Wahrheiten über St. Martin

Heiliger oder Soldat?

Lebensdaten und Fakten:

  • 316 wird er in Sabarina geboren, dem heutigen Steinamanger (ungarisch: Szombathely), als Sohn eines röm.Tribuns, Erziehung in Pavia
  • um 331 wird er Soldat in einer Elite-Reiterabteilung in Gallien
  • um 334 verlässt er das römische Heer, lässt sich von Hilarius, dem Bischof von Poitiers, unterweisen und taufen
  • 360 setzt Hilarius Martin zum Bischof von Tours ein. Martin gründet dort ein Kloster und ist mit seinen Mönchen v.a. als Missionar tätig
  • 397 stirbt Martin auf einer Besuchsreise zu christlichen Gemeinden
  • 1562 wird Martins Grab von Hugenotten zerstört

Die Faszination, die von der Martinsgestalt bis heute ausgeht, hat viel damit zu tun, dass Martin Soldat war. Er tritt zunächst im Gewand des vitalen Helden auf und ist damit als Identifikationsfigur interessant.

Aber die Martinsgestalt bleibt nicht eindimensional auf Stärke und Gewalt festgelegt. Der Soldat, der am Stadttor von Amiens mit einem Bettler seinen Mantel teilt, erkennt, dass nicht das Festhalten von Eigentum, sondern vielmehr das Loslassen wirkliche Stärke erfordert.

Seine selbstlose Tat verschafft Martin weder Lohn noch Anerkennung; im Gegenteil: Dem Biographen Sulpicius Severus zufolge brachte das Mantelteilen Martin nicht nur eine kalte Nacht und den Spott seiner Gefährten ein, sondern auch drei Tage Gefängnis wegen mutwilliger Beschädigung von Heereseigentum.

St. Martin zeigt, dass man eine scharfe Waffe auch anders verwenden kann als zum Töten. Er hat sie zu einem Werkzeug des Teilens gemacht. So werden Schwerter zu Pflugscharen. Auch später, als Martin seine Waffen vor dem Kaiser niederlegt, beweist er den Mut der Demut: Wer aus dem großen Heerhaufen ausschert, um den Weg des gewaltfreien, geistigen Kämpfers einzuschlagen, riskiert mehr als ein waffenstarrender Krieger.

Legende

Eine der nicht so bekannten Martinslegenden zeigt den gefährlichen Weg der friedlichen Überwindung besonders deutlich:

Einst machte sich Martin von Frankreich aus auf dem Weg nach Italien, um seine Eltern zu besuchen. In der wilden Bergwelt der Alpen fiel er Räubern in die Hände. Sie wollten ihn zunächst mit der Axt erschlagen, besannen sich aber dann eines Besseren in der Hoffnung, ein Lösegeld zu gewinnen. So wurden Martin die Hände auf dem Rücken gebunden, man brachte ihn in eine Höhle und bestimmte einen der Räuber, auf ihn aufzupassen. Der wunderte sich mit der Zeit über die seltsame Gelassenheit seines Gefangenen und fragte ihn, ob er nicht furchtbare Angst habe. Martin antwortete: "Ich war nie so sicher, denn Gottes Erbarmen ist in der Not am nächsten." Da wunderte sich der Räuber und ließ sich die ganze Nacht über vom christlichen Glauben erzählen. Am Morgen löste er Martin die Fesseln und ließ ihn frei seines Weges ziehen.

Brauchtum

Am 8.November 397 starb Martin als Bischof von Tours. Der Gedenktag des beliebten Heiligen wurde aber auf den 11.November gelegt. Das war seit alters her ein besonderer Termin, an dem Löhne, Pacht und Abgaben ausbezahlt wurden. Geld war im Umlauf und so wurde auch Markt gehalten. Waren wechselten ihre Besitzer.

Das fröhliche Martinsfest wurde mancherorts auch als "Fastnacht" begangen. Sei es, daß das "Martinsfasten" eine 40tägige vorweihnachtliche Fastenzeit eröffnete oder eine achtwöchige Vorbereitung auf das Epiphaniasfest, in jedem Fall mußte es zuvor, der ausbalancierenden Logik von Ritualen entsprechend, ein deftiges, ausgelassenenes Abschiedsfest geben, eben ein Karne-Val.

Auf dem Speiseplan des Herbstes standen naturgemäß Gänse, da sie in dieser Zeit gerade fett genug und also schlachtreif waren. Erst nachträglich wurden die "Martinsgänse" legendenhaft mit der Gestalt des Martin von Tours verbunden.

Dass am Martinstag noch heute die Karnevalskampangnen eröffnet werden, hat auch mit dem kuriosen Datum (11.11. um 11.11 Uhr) zu tun. Die Elf gilt als Zahl der Narren, weil sie die Zahl der göttlichen Ordnung (Zehn Gebote) übertritt.

Schließlich hat auch der Umgang mit Licht an Martini Tradition: Die Handwerker arbeiteten von diesem Tag an auch mit künstlichem Licht, das sehr kostbar war. Man lebte jetzt vom Aufgesparten.

Eigentümlich, wie sehr diese alten Bräuche - zumeist unbewusst - in den gegenwärtigen, anwachsenden Laternenumzügen weiterleben: Beim Gang mit der Laterne wird die dunkle Jahreszeit bewußt, karnevalistischer Mummenschanz lebt in den Martinsspielen fort und in manchen Orten wird an die Kinder ein besonderes Gebäck verteilt.

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Text: Christian Trappe, Lippoldsberg

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